Überraschung in Köln: Schnee im Winter!

verschneite Radwege

Verschneite Radwege und geparkte Räder

Köln im Schnee. 24 Stunden nach dem letzten Schneefall waren weder die Radwege auf der Deutzer Brücke noch am Neumarkt, geschweige denn auf den Ringen geräumt, alles wichtige Radverkehrsverbindungen. Für den ein oder anderen Alltagsfahrer mag das eine Freude sein, darf er doch unter diesen Umständen die geräumte Fahrbahn benutzen. Viele ließen jedoch ihr Fahrrad lieber stehen. Die Wenigen, die sich die Schneefahrt zutrauten, fuhren mit deutlich verminderter Geschwindigkeit auf den nicht geräumten Radwegen. Nur einen Rennradfahrer habe ich am Neumarkt die Fahrbahn nutzen sehen.

Vor zehn Tagen ließen die Grünen in Sachsen-Anhalt die Forderung verlauten, bei Schnee erst die Radwege und dann die Fahrbahnen zu räumen, so wie in Kopenhagen bereits üblich und bewährt. Das macht allerdings auch nur dann Sinn, wenn die Radverkehrsanlagen von hoher Qualität sind, nicht so wie die meisten Bordsteinradwege in Deutschland, eher gefährlich für Leib und Leben. Trotzdem, Autofahrer und der Sprecher des Verkehrsministeriums, Harald Kreibich, reagierten mit Unverständnis und verwiesen auf so etwas wie eine daraus resultierende Erklärungsnot gegenüber Berufspendlern, die mit dem Auto mehr als 50 km zur Arbeit fahren müssten. – Von einer Erklärungsnot gegenüber Berufspendlern, die mit dem Fahrrad über 10 km zur Arbeit fahren, war nicht die Rede. Denn Behinderungen von Radfahrern werden wie selbstverständlich hingenommen und man mutet den Radfahrern zu, doch im Zweifel auf das Fahrrad zu verzichten. Zugunsten welchen Verkehrsmittels eigentlich? – Dem Auto? – Das Rad wird als konkurrenzfähiges Verkehrsmittel jedenfalls immer noch nicht wahrgenommen.

Gerade heute habe ich in den Statistiken meines Blogs die Suchbegriffe „radfahren im winter, verantwortungslos“ gefunden. Das scheint gängige Autofahrermeinung zu sein: Radfahren im Winter ist verantwortungslos, Autofahren hingegen nicht. Dabei sind Autofahrer es, die mit unserem Leben verantwortungslos umgehen. Viele von ihnen sind den aktuellen Witterungsbedingungen mangels Erfahrung nicht gewachsen. Bremsen, beschleunigen und ausweichen sind Glücksache, wenn sie denn überhaupt etwas sehen durch ihre zugefrorenen und verschmierten Scheiben. Jedenfalls entspricht das meinen Beobachtungen: Je glatter die Fahrbahn ist, desto dichter werde ich als Radfahrer überholt. Bei mir als Fußgänger halten Fahrzeuge nicht an, selbst wenn ich auf einem Zebrastreifen schon längst die Fahrbahn betreten habe. Oder bezeichnend der Autofahrer, der mich letztes Jahr belehrte, nachdem er mich hupend und schimpfend auf schneeglatter Fahrbahn überholte. Ich habe ihn später gebeten, mir sein Verhalten zu erklären und er sagte, dass wenn ich so dicht vor ihm her fahren und auf der glatten Straße stürzen würde, könne er ja wohl nicht mehr rechtzeitig bremsen!? – Wenn das nicht verantwortungslos von mir ist, so dicht vor ihm herzufahren und auch noch bei Schnee! 😉

Fakt ist, in Köln sind die Radwege nicht geräumt. Und so sollten eigentlich alle Radler auf der Fahrbahn fahren, damit der einzelne wahrgenommen wird. Machen sie aber nicht. Viele haben Angst. Ein Dilemma? – Vielleicht! – Es sei denn, man beginnt auf behördlicher Seite endlich damit, Kraftfahrzeugführer über ihre Pflichten und die Rechte der Radfahrer aufzuklären und sie darüber zu informieren, dass sie es sind, die Radfahrern gefährlich werden und sie verletzen oder gar töten könnten und nicht die Radfahrer die Autofahrer.

Das wäre doch, zumindest in Köln, eine lohnende Aufgabe für Velo 2010.

verschneite Radwege

Radfahrer auf Schleichfahrt

Eher verschwindet in Köln der Dom, bevor etwas Maßgebliches für den Radverkehr getan wird!

Eine liebenswerte Betrachtung zum Radfahren – auch im Schnee – habe ich von Walter Müller auf den Seiten des österreichischen ARGUS-Steiermark (die östereichische Fahrradlobby) gefunden: Semper et ubique. Lesenswert für alle, die auch schon eine gewisse atomare Verbundenheit fühlen.

radfahren im winter verantwortungslos

11 Antworten auf “Überraschung in Köln: Schnee im Winter!”

  1. Sehr schöner Beitrag.

    Ich bin selbst leidenschaftlicher Radfahrer und dieses Jahr will ich zum 1. Mal auch den ganzen Winter hindurch mit dem Rad zur Arbeit. Bisher mangelte es mir an passender Kleidung in den passenden Reifen, so dass ich die früheren Jahr mit ÖPNV unterwegs war.

    Daher habe ich diesen Winter auch die 1. Erfahrungen mit rücksichtslosen Autofahrern gemacht. Ich wurde in den letzten Tagen öfter angehupt oder oder vollgepöbelt.

    Vielen scheint auch die Rechtslage nicht klar zu sein und meinen Radfahren im Winter sei verboten oder sollte verboten werden.

  2. Es ist nicht nur in Köln so, auch „auf dem Lande“ hier in Bad Oeynhausen sind die Radwege entlang der Hauptverkehrstraßen über weite Strecken nicht benutzbar. Ich bin inzwischen auch dazu übergangen mit Rücksicht auf Leib und Leben besser die Fahrbahn zu benutzen.

  3. Fotos und Bericht erstklassig. Ich muss aber noch ein pparr Kleinigkeiten ergänzen: Die Radwege entlang Innere Kanalstraße und Universitätsstraße sind tatsächlich zum Teil geräumt. Obwohl ich täglich mit dem Rad zur Arbeit fahre und dabei einen Teil auf der straße (Liebig und Dürener) bin ich in diesem Winter noch nicht angehupt worden. Und ich bin total sauer auf die Mitbüger, die Ihrer Wegeräumpflicht nachkommen indem sie den Schnee vom Gehweg auf den Radweg schaufeln. – A…löcher!

  4. Dank einer großen Auktionsplattform bin ich seit Anfang dieser Woche mit Winterreifen am Fahrrad unterwegs und möchte die Spikes gar nicht mehr missen. Warum sind die großen Reifenhersteller eigentlich nicht in der Lage, davon etwas mehr zu produzieren? Die Nachfrage scheint doch da zu sein.

    Die Erfahrung mit dem knappen Überholen mache ich leider derzeit regelmäßig. Ich überlege schon mir einen Abstandhalter zu montieren 🙁

  5. Hallo Arne,

    schöner Beitrag, und wie immer tolle Bilder, aber lesen Autofahrer Velo 2010?

  6. In München, welche sich als Radfahrerstadt positionieren will, ist es ebenso. Viele Radwege, interessanter weise viele an den richtig grossen Strassen, werden als Ablagefläche fuer den Schnee, der dann teilweise bis zu einem meter hohe Haufen sich auftürmt, verwendet.

    Trotzdem werde ich im Winter nicht auf das Rad verzichten.

  7. Ich muss täglich mit dem Rad von Köln nach Leverkusen.
    Während auf der Leverkusener Seite der Rad-Fussweg, den ich benutze, immer top geräumt ist bleibt auf der Kölner Seite alles liegen. Wäre ja nicht mal so schlimm. Auf fetgetrtenem Schneee lässt es sich eigentlich auch ganz gut Radeln. Doch auf Kölner Seite wird einfach auf den ungeräumten Radweg-Fussweg Salz gestreut, was das Gehen und Radfahren wieder fast unmöglich macht. Erst Freitag Nachmittag wurde zum ersten mal dort geräumt.

  8. Wie paßt das bloß zusammen: Auf der Fahrbahn fahren wollen, aber das Räumen der Wegelchen für notwendig erachten. Wegen Erziehungsmaßen? Dann soll der ADFC öffentlich den Zustand begrüßen, Aufklären, und gegens Blau vorgehen.

  9. Vielen Dank, dass Ihr hier Eure Erfahrungen und Gedanken mitteilt.

    Zu Stefan von hamburgize.com:

    Ich denke, dass sich so gut wie kein Autofahrer ausdrücklich und gewollt auf die Seiten von Velo 2010 verirrt. Ich glaube, allerdings auch kein Radfahrer ;-). In der Vergangenheit aber glänzte der selbsternannte Expertenkreis lediglich mit Aktionismus (z.B. Einsatz eines Provida-Fahrzeugs gegen Abstandsünder beim Überholen einspuriger Fahrzeuge, Versuch und Irrtum: 1. Teil, 2. Teil). Erst kürzlich standen die Experten (Amt für Straßen und Verkehrstechnik, Polizei und ADFC) hier in Köln auf dem Zülpicher Platz, kontrollierten und ermahnten Radfahrer, die mit unzureichender Beleuchtung unterwegs waren. Mit der Folge, dass die Lokalzeit Köln vom 15.11.10 (Kölner Lokalmagazin des WDR) sich wieder einmal gezwungen sah, Radfahrer als Gruppe unverantwortlicher und lebensmüder Verkehrsterroristen darzustellen. Polizeioberkommisar Joachim Schalke, der Leiter der Aktion, stellte vor laufender Kamera fest: „Grob können wir sagen, dass etwa die Hälfte aller Radfahrer mit nicht vorschriftsgemäßer Beleuchtung unterwegs sind.“ Danach nannte er die Unfallzahlen der letzten zwei Jahre, so dass beim Zuschauer der Eindruck entstehen konnte, dass alle Radverkehrsunfälle im Zusammenhang mit unzureichender technischer Ausrüstung zusammenhängen. Das dem nicht so ist, brauche ich hier wohl nicht mehr auszuführen, das haben auch schon andere gemacht: Polizeihauptkommissar Karsten Witt hat drei Jahre lang Fahrradunfälle analysiert und stellt fest, „Das Fahren ohne Licht spiele für das Unfallgeschehen kaum eine Rolle, das ist nur ein gefühltes Problem.“ Schade, denn bei Oberkommissar Schalke handelt es sich gleichzeitig um den Kölner ADFC-Vorsitzenden. Dass der Reporterin, Manuela Klein, die Recherche zu Fahrradthemen schwer fällt, wundert nicht, moderiert sie doch auf dem Privatsender ansonsten das Automagazin Tempo und ihr kann man unter den Umständen getrost eine gewisse Befangenheit unterstellen. Aber wie gesagt, bisher hat sich die Lokalzeitredaktion Köln nicht besonders durch gut recherchierte Fahrradthemen hervorgetan! Aber ich schweife ab.

    Velo 2010 hätte durchaus die Möglichkeit, über Pressekonferenzen, Broschüren und sagen wir, intelligente Aktionen, Autofahrer direkt anzusprechen – allerdings müssen sie sich erst einmal willens zeigen. Tun sie aber nicht – trotz Experten. Zur Zeit müssen sie sich, wie schon so oft, den Vorwurf der Einseitigkeit gefallen lassen.

    Zu Udo von radwege.udoline.de:

    Da sprichst Du natürlich ein grundlegendes Problem an. Autofahrer sind untereinander mehrheitlich assimiliert. Gasgeben, lenken und bremsen kann jeder und alle, egal ob 18 oder 80, wollen das Gleiche, komfortabel und schnell von A nach B kommen und das klappt prima in Deutschland.  Dagegen ist die Gruppe der Radfahrer so heterogen, wie es verschieden Fahrzeugtypen gibt: Es gibt alte, junge, schnelle, langsame, vorsichtige, mutige, feige, sichere und unsichere, kleine und große, sportliche und unsportliche Radfahrer. Die einen fahren in ihrer Freizeit, die anderen im Alltag und die ganz anderen in Lycra. 😉 Manche nur im Sommer, die anderen auch im Winter. So ist das! In Köln gibt es benutzungspflichtige Radwege, die alle Autofahrer (Wir erinnern uns, sie wollen vor allem schnell von A nach B kommen) und die meisten Radfahrer (Sie sind der Gehirnwäsche der Automobillobby erlegen, die ihnen eingebläut hat, dass sie dort am sichersten unterwegs sind, wo sie den Autoverkehr in seinem Geschwindigkeitsrausch nicht behindern und von den Autofahrern auch gar nicht bemerkt werden sollen) für sicher und vor allem für selbstverständlich erachten. Die Behörden wollen zunächst einfach nur ihre Ruhe und machen das, was ihnen die automobile Gesellschaft abverlangt, nämlich Radfahrer weg auf die Radwege. Jetzt haben wir Winter, mit all seinen Konsequenzen. Die Behörden sind nicht einmal in der Lage, die vermeintlich für den Kraftfahrzeugverkehr reservierten Fahrbahnen freizuhalten.

    Jetzt gibt es eine kleine Gruppe Radfahrer, die ihre Rechte und Pflichten kennt, die sich im Internet über Möglichkeiten des Radverkehrs informiert und diskutiert und die in der Lage sind selbstbewusst und sicher auf der Fahrbahn zu fahren.

    Aber es gibt auch den Studenten, Angestellten oder Arbeiter, für den Radverkehr gerade mal Mittel zum Zweck ist. Die fahren mit ihrer Schrottmühle (prima, klaut keiner) zur Uni oder zur Arbeit und abends auf die Party oder in die Kneipe und das klappt. Die Regeln, die die Behörden vorlegen, sind nicht nur für sie nicht nachzuvollziehen und so brauchen sie sich auch nicht an die Regeln halten. Die meisten Polizisten lassen sie auch in Ruhe, solange sie nicht vor ihrer Nase bei Rot über die Ampel fahren. Funktionierendes Gentleman Agreement.

    Für manchen alten Mensch ist selbst der Weg zur nächsten Bus- oder Bahnhaltestelle zu weit. Manche brauchen das Fahrrad, um überhaupt noch mobil sein zu können. Und sie wiederum haben ganz andere Anforderungen an Radverkehrsanlagen, als z.B. die ersten zwei der drei genannten Gruppen.

    Unter Berücksichtigung dieser Umstände ist es deswegen doch möglich zu fordern, dass sowohl Radfahrer auf Fahrbahnen akzeptiert und unterstützt, als auch dass Radwege im Winter geräumt werden, um auch den derzeit schwächsten Verkehrsteilnehmern ein Vorankommen zu ermöglichen, das zumindest ihren antiquierten Vorstellungen von Sicherheit gerecht wird – sonst würden sie höchstwahrscheinlich gar nicht fahren. Und da sie kein de.rec.fahrrad lesen, müssen wir sie mit Hilfe der Behörden und herkömmlichen Medien erreichen – tun wir bis jetzt allerdings noch nicht. Und viele von denen, die wir erreicht haben, lassen sich von der automobilen Allmacht weiterhin beeindrucken und ziehen, obwohl sie nicht müssen, sogenannte andere Radwege vor. Selbst ich benutze nach einem anstrengenden Tag gelegentlich dankbar den ein oder anderen Radweg, um mich nicht mit unbelehrbaren aggressiven Autofahrern auseinandersetzen zu müssen.

    Zurzeit findet Radverkehr in Köln jedenfalls so gut wie nicht statt!

    Vereister Radweg Neumarkt Köln

    Vereister Radweg, Köln Neumarkt

    Außerdem stellen die Verkehrsehörden mit den ungeräumten Radwegen ihre eigene Argumentation über die Notwendigkeit von benutzungspflichtigen Radwegen in Frage. Im Sommer wäre es zu gefährlich, die Fahrbahn zu benutzen, während im Winter Radverkehr auf der Fahrbahn stattfinden muss, weil die Radwege einfach nicht geräumt und somit befahrbar sind. Ich würde sagen: Ein riesiges behördliches Eigentor. Ich kann mir vorstellen, dass die ordentliche Dokumentation eines nichtgeräumten Radwegs durchaus helfen könnte, gegen das ein oder andere Schild zu argumentieren, zu widersprechen oder gar zu klagen.

    Langfristig wünsche und erwarte ich – und ich denke darin sind wir uns alle einig – einen stark entschleunigten Kraftfahrzeugverkehr innerhalb der Ortschaften und einen gemeinsam stattfindenden Verkehr von Fahrzeugen auf der Fahrbahn, auf der Radfahrer sogar bei Bedarf unbeschwert nebeneinander fahren dürfen.

  10. Sehr schön beschrieben, eher einen vollständigen Blogeintrag als nur einen Kommentar wert.

    Schönes Bild auch vom Neumark, gut das der Weg da ja nicht als benutzungspflichtig gekennzeichnet ist (hinter der Wolfstrasse ist kein blau). Vorher ist er mir mit den Pfosten am U-Bahn Ausgang zu eng und da er eh nicht die gleichen Vorfahrtsregeln wie die Fahrbahn teilt, auf der auch nur 30 km/h als Höchstgeschwindigkeit zugelassen sind, fahre ich dort sowieso immer auf der Fahrbahn (manchmal sogar in Lycra 😉 )

  11. Das die Radwege nicht geräumt werden ist ja nicht mal so schlimm. Nach kurzer Zeit kann man auf der festen Schneeschicht eigentlich sehr gut fahren. Doch leider ist der Kölner Winterdienst so bekloppt auf den Tiefschnee Salz zu streuen. Dies allerdings in einer so genialen Dosierung, dass der Schnee nur zu Matsch wird und nicht vollständig wegschmilzt. Was die Radwege dann dauerhaft so gut wie unbefahrbar macht.

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