Sonderbare Sonderrechte

Prinzen

So sind sie, die Prinzen

Irgendein Verwaltungsheld muss irgendjemandem irgendwann erlaubt haben, vor dem Pullman Hotel in der Magnusstraße Blumenkübel mit ca. drei Meter hohen Bäumen zwischen den benutzungspflichtigen Rad- und den Gehweg zu stellen. Ob da kommerzielle Interessen des Hotels im Spiel waren (sieht halt schicker aus), möchte ich mal dahin gestellt sein lassen. Dass das aber mit enormen Konflikten für den Radverkehr verbunden sein muss, kann sich selbst jeder minder begabte Verkehrsteilnehmer vorstellen, offensichtlich aber nicht die zuständigen Verwaltungsmitarbeiter.

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie vielen Bürgern ich hier schon höflich habe erklären müssen, dass der Teil der Radverkehrsanlage, den sie benutzen, dem Radverkehr vorbehalten wäre und ob sie denn bitte Platz machen würden, damit ich meine Fahrt endlich fortsetzen könne. Manchmal klingel ich auch einfach nur! Ist der Radweg ausnahmsweise frei, sollte man unbedingt damit rechnen, dass hinter jedem der 13 Bäume plötzlich ein “Irgendwas” herausspringen kann. Meistens sind es Menschen, gelegentlich Hunde an der langen Leine, ich hatte auch schon mal eine Leiter, die sich in meinen Fahrtweg schob. Gut, dass wenigstens ich hier besonders vorausschauend fahre.

Seit 11.11. ist Karneval in Köln. Das Pullman Hotel scheint, neben einigen anderen Hotels, besonders für entsprechende Veranstaltungen geeignet zu sein. Jedenfalls stellen sich mit besagtem “Sessionsbeginn”  entsprechende Festivitäten mit zunehmender Frequenz dort ein. Das ist auch nicht weiter schlimm, sollen sie ihre Tollitäten, Jungfrauen, Bauern und Prinzen feiern bis zum Abwinken. Nur wenn “d’r Prinz kütt”, bringt er seinen ganzen Hofstaat in einer Flottille diverser Kleinbusse mit. Die, ob mit oder ohne Sondergenehmigung (ohne wäre auch kein Problem, sowas klüngelt man sich in Köln schon zurecht) im Halteverbot mehr oder weniger den ganzen Abend eine Fahrspur blockieren – auch nicht weiter aufregend. Nur für die Radfahrer bedeutet das eine Steigerung des “Gassenlaufs”, springen die “Irgendwas’” nicht mehr nur von rechts aus den Bäumen heraus, nein, nun auch von links aus den Türen der Kleinbusflottille  der Prinzen. Wer es dann noch wagt zu klingeln, kann Prinzen und Hofstaat einmal ordentlich pöbeln hören. Aber auch das ist alles nicht weiter schlimm, in Köln dauert der Karneval in der Regel nie länger als knapp fünf Monate.

Vor gut zwei Wochen musste ich nach getaner Arbeit besagte Stelle wieder einmal passieren. Zwei weitere Kleinbusse, neben dem Konvoi der “Tollitäten”, erschwerten diesmal meine Weiterfahrt. Das erste Fahrzeug (Es muss ein Brathähnchen-Caterer gewesen sein, auf dem Fahrzeug stand Höhner, das ist kölsch und heißt Hühner) parkte auf dem Gehweg rechts neben dem Radweg unmittelbar vor der Helenenstraße (siehe Bilder unten) und verhinderte entsprechende Sichtbeziehungen zwischen Radfahrern und ausfahrenden Kraftfahrzeugen. Autofahrer konnten den vorfahrtsberechtigten Radweg erst einsehen, nachdem sie schon vollständig auf demselben standen! Das zweite Fahrzeug parkte so auf dem Radweg, dass dort nicht vorbeizukommen war. Radfahrer mussten auf die Fahrbahn ausweichen. Die meisten wichen ordnungswidrig auf den Gehweg aus.

Aber diesmal geschah ein Wunder, in unmittelbarer Nähe tauchten zwei Politessen engelsgleich, wie aus dem Nichts, auf. Ich musste sie wegen der parkenden Fahrzeuge einfach ansprechen:

  • “Ja, deswegen haben wir den auch verwarnt.” (Den Radwegparker, nicht aber den Brathähnchen-Caterer)
  • “Aber das reicht doch nicht,” entgegnete ich, “die Straßenverkehrsbehörde hat mit der angeordneten Benutzungspflicht entschieden, dass es für Radfahrer hier auf der Fahrbahn zu gefährlich sei – bleiben sie doch bitte mal stehen” (Inzwischen hatten sich die Politessen entschieden, weiter zu gehen, ihre Ampel zeigte grün. Auf mein nachdrückliches bitte, inzwischen war ich etwas erregter, blieben sie dann doch widerwillig auf meiner Seite der Straße) – “Wo soll ich ihrer Meinung jetzt lang fahren?”, fügte ich ergänzend hinzu.
  • (Die beiden Damen zuckten mit den Schultern)
  • “Wollen sie die nicht wenigstens abschleppen lassen?”
  • “Die kommen bestimmt bald wieder, außerdem ist ja Karneval!”
  • “Ja und? – Seit wann gilt Karneval die Straßenverkehrsordnung (StVO) nicht mehr?”
  • “Das war schon immer so!” entgegnete eine der beiden Damen vollkommen unschuldig und mit einer keinen weiteren Widerspruch duldenden Selbstverständlichkeit. Sie hatte nicht den geringsten Zweifel an der Richtigkeit ihrer Aussage.
  • “Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass Karneval die StVO nicht mehr gilt!?”
  • “Wir schleppen Karneval nicht ab, das ist eine Dienstanweisung.”

Das war’s.

Während ich meine Fotos machte, sprach mich besorgt eine Autofahrerin an, die hinter den “Höhnern” parkte, um ihnen einen Präsentkorb zu überreichen. Sie erklärte mir, verunsichert durch meine Absicht, dort zu fotografieren, dass ihr die Politessen sehr wohl gestattet hätten, dort zu parken, dass es nicht schlimm wäre, wenn sie an dieser Stelle lediglich auf die Höhner warten würde – auf dem Gehweg, mit ihrem Auto.

Wenn die Kölner Behörden weder willens noch in der Lage sind, Radwege vom ruhenden Verkehr freizuhalten, zwingt sich mir die Frage auf, warum sie immer noch so beharrlich an der “Benutzungspflicht” entsprechender Radwege festhalten.

Ruecksichtslos

Warum halten die Behörden so beharrlich an der Benutzungspflicht fest?

Auf meinem weiteren Heimweg habe ich die ganze Zeit an Orwells “Animal Farm” denken müssen: “Alle Tiere sind gleich. Aber manche [die Schweine] sind gleicher.” – Und mit Karneval wird ein Haufen Geld verdient.

Weitere Beispiele finden sich bei, z.B.: Holger’s Blog und MyBikeLane

8 Antworten auf “Sonderbare Sonderrechte”

  1. Ah, Karnelvalisten genießen in Köln also im wahrsten Sinne des Wortes Narrenfreiheit! Straßenverkehrsregeln sind nur etwas für anderen. Das erklärt dann wohl auch, warum nie etwas unternommen wird, um die stets und ständig auf der Deutzer Brücke falschparkenden Kleinbusse davon abzuhalten, den Geh- und Radweg dort vollständig zu blockieren. Denn es muß nur irgendeine Veranstaltung im Maritim-Hotel stattfinden, und man kann sich sicher sein, dass der Weg auf der Brücke zugeparkt wird.

  2. Karneval – für mich die Zeit der nichtbenutzbaren Radwege. Konsequente Straßenbenutzung ist die Zauberformel.

    Oder einfach mit dem Rad das Weiterfahren dieser Idioten verhindern. Mache ich immer wieder gerne!

  3. Auch hier in Bergisch Gladbach hat das Dreigestirn Sonderrechte. So fuhren gestern Abend 2 Kleinbusse des hieseigen Karnevalsverein auf der Busspur der Bensberger Straße in Richtung Konrad-Adenauer-Platz.
    Ich war Fahrgast in dem Linienbus, der hinter diesen dann vor der Ampel stand. Die Karnevalsbüschen fuhren dann geradeaus durch die Fußgängerzone (für Linienverkehr und Fahrräder dort freigegeben), natürlich nicht mit Schrittgeschwindigkeit, sondern mit Warnblinklicht! Am Ende der Fußgängerzone bogen sie dann nach rechts in die Laurentiusstraße ab. Das Warnblinklicht wurde kurz vor erreichen der Kreuzung wieder abgeschaltet, aber auf den Fahrtrichtungsanzeiger generös verzichtet ;)

    Man kann es ja fast verstehen, schliesslich hat das Dreigestirn einen engen Terminplan und mittels Abkürzung durch die Fußgängerzone hat man ca 800m Weg und 4 Ampeln gespart. Also tun die doch sogar was für die Umwelt!

    Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Abkürzerei an dieser Stelle in letzter Zeit überhand nimmt, so sind mir schon mehrfach die Krankenwagen, die Richtung Marienkrankenhaus wollen diesbezüglich aufgefallen (Zuletzt am Donnerstag morgen). Natürlich immer ohne Blaulicht!
    Auch von Handwerkern wird dieser Weg gerne mal eingeschlagen.

    Problematisch ist es jedoch immer dann, wenn sich die Fahrzeugfüher nicht schon vor der Ampel auf die Busspur einsortieren. Dann schneiden Sie nämlich Radfahrern und sogar Bussen, die dort legal auf der Busspur sind den Weg ab. Im Prinzip das typsiche
    Rechtsabbieger Problem bei einer geradeaus / linksabbieger Sonderspur rechts neben der allgemeinen Fahrbahn.

  4. Ich weiß nicht, warum Du die Kennzeichen der Fahtzeuge unkenntlich machst.
    Ich werde übrigens bis Aschermittwoch auch bei angeordneter Benutzungspflicht überall auf der Fahrbahn fahren – verkleidet selbstverständlich, das sollte das ja wohl legitimieren!

  5. Zum Glück ist Karneval hier kein Thema, vierrädrige Narren gibt es hier aber auch so genügend, das ganze Jahr über. ;-)

  6. Selbst, wenn ich Fan von Karneval wäre und selbst, wenn ich diese Benutzungspflicht der Radwege irgendwie gut heißen würde, würde mich das aufregen. Fürchterlich. Da heißt es überall, man solle die Autos stehen lassen und auf das Rad umsteigen und dann wird man von der Stadt Köln sogar noch hinter die Bedürfnisse von Hotels und Narren gestellt… Empörung! LG, Eva

  7. Für solche Fälle bräuchte man DIN-A5- Aufkleber aus dünner Siegelfolie mit fiesen, nur mit Aceton zu entfernendem Kleber (so etwas wie der “Kuckuck”, den der Gerichtsvollzieher aufklebt ) mit der Aufschrift “In der Zeit die sie dieses mal zum Entfernen dieses Aufklebers brauchen, suchen Sie sich nächstes mal bitte einen ordentlichen Parkplatz!”

    Schlauer wäre allerdings, wenn sich alle Radfahrer in Köln dazu durchrängen, solche Leute zu fotographieren, die Bilder nicht nur ins Blog zu stellen, sondern auch zur Anzeige bringen, und im Blog darüber zu berichten, wie der Stand dieser Anzeige ist (den Workflow zur Wiedervorlage zwecks Nachfrage gibt es sicher als WP-Plugin).

    Man könnte auch einen Wettbewerb daraus machen, und die Anzahl erfolgreich “abgeschossener” Falschparker auf Blog und Rad mit Icons veranschaulichen.

    Hätte nur gute Folgen:
    + spült Geld in die Stadtkasse
    + negatives Feedback für Radwegmißbraucher und -Falschparker
    + RRRRache!! ;)
    + Polizei beschwert sich über den Papierkrempel und fordert daß Radwege abgeschafft werden, weil zu arbeitsintensiv.

  8. Entspannen, nochmal tief Luft holen und beim Weiterfahren das ganze verarbeiten. Dann einfach weiter fahren als wär nichts gewesen. Gegen Karneval in Köln ist sonst noch kein Kraut gewachsen. Hopfensaft fördert dann auch irgendwann den Bluthochdruck.

    Ist natürlich schon krass was die Damen von sich geben.

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